memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) ERICH LAMMERT1 (1912-1997), GERMANIA Cuvinte cheie: medicina populară, formule de vindecare, ajutor supranatural, molimă, istoria culturii, relaţii interetnice, german, român, Banat Medicina populară din Banat şi superstiţii legate de boli Rezumat Medicina populară cunoaşte numeroase texte curative pentru vindecarea bolilor. Lammert prezintă unele formule magice chiar paralel, în variantele lor germane şi române. Medicina populară face apel şi la mistica numerelor. Uneori se încearcă vindecarea bolilor, tranferându-le pe diferite fiinţe sau obiecte. Se folosesc chiar şi texte magice pe bilete de hârtie pentru conjurarea bolilor. Uneori se invocă sfinţi în lupta contra bolilor (Rochus pentru ciumă, Antoniu de Padua, Pantelimon sau Trifon). În pofida ajutorului sfinţilor, marile molime ale secolului al XVIII-lea (ciumă, malarie, holeră) nu puteau să fie învinse de medicina timpului. Molimele s-au considerat pedepse divine, deci s-au organizat pelerinaje şi s-au celebrat slujbe sfinte pentru a le întâmpina. Resturi ale medicinei populare umane şi veterinare s-au păstrat până în zilele noastre. Se mai întâlnesc pe-alocuri leacuri băbeşti şi vindecători pentru anumite boli. 1Doctor în medicină, a profesat la Periam, a trăit până în 1997 la Siegen, Germania 60 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Key words: folk medicine, healing spells, helpers-in-need, disease, home remedies and helpers, cultural history, interethnicity, German, Romanian, Banat Traditional Banat Health Recipies and Superstitions Related to Illnesses Summary Folk medicine knows many healing spells to combat disease. Some spells are presented in parallel, in German and Romanian. Numerology also plays a role in folk medicine. Diseases should be healed by transferring them to various beings and things, and even sayings written on notes should ward off disease. Help is also called in from, such as Saint of Rochus for the plague, Anthony of Padua, Pantelimon or Trifon. But against the major epidemics of the 18th century (plague, malaria, cholera) the medicine of that time was almost powerless. The diseases were seen as the wrath of God, against which pilgrimages and Holy Masses were supposed to help. Remainders of folk medicine for humans and animals have stayed with us to this day: home remedies and helpers are still used in places against certain diseases. 61 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Banater Volksmedizin und Krankheitsaberglaube (Fortsetzung vom vorigen Heft) 1 Beschwörungen und Heilsprüche Ein großes Kapitel der Volksmedizin umfassen die Heilsprüche, die zu den Gebeten oder Beschwörungsformeln zählen. Banu weist die Heilsprüche der alten ägyptischen Medizin der Religionsmythologie und der Magie zu, er unterscheidet implorative und imperative Formeln. [Banu 1970, p. 67-72] In unserem Spruchmaterial sind rein implorative Formeln, also richtige Gebete, selten. [Hagel 1928, Heft 4, p. 12] Nach dem Buche ,,Ex libello de effectu Numismat. S. Bened.“, Fulda 1674, schützen die geweihten (benedictus) Geldstücke gegen Zauber und Krankheit. In der rumänischen Volksheilkunde werden Münzen gegen Beulen, Wespenstiche, Hundebiss aufgelegt, in zauberischer Absicht legt man sie in das erste Badewasser der Neugeborenen oder ins Taufbecken, desgleichen in Wasser, das zu Zauberhandlungen verwendet werden soll. [Drăgoiescu 1970, p. 141] Früher wurden besonders gegen die Pest Münzenamulette mit einem Heiligenbild und dem kabbalistischen Tau-Zeichen getragen. Als zauberkräftige Amulette waren die Golddukaten Matthias Corvins beliebt, sie sollten bei Geburten und Kinderkrankheiten helfen. Mit dem Raben als Wappentier versehen, erfreuten sie sich als „Rabendukaten“ großen Ansehens. [Münsterer 1958, p. 385] Gleichfalls selten sind die rein imperativen Formeln, direkte Befehle an den Krankheitsdämon: „Hast du den Fluch: das wilde Feuer, die giftige Schlange, zieh hinweg!“ [aus Guttenbrunn, nach Herrschaft 1938, p. 155] Nebst den Sprüchen kennt die Volksmedizin auch magische Handlungen, p. Überwindung der Krankheit durch Berühren, Abstreifen, Abblasen, Eingraben, Ertränken, Einhacken, Übertragung auf Tiere, Pflanzen und leblose Dinge, Verbannen in Gewässer, Wälder, in die Erde. Oft ist der Sinn magischer Handlungen unklar, z. B. das Halten eines Gefäßdeckels vor das Gesicht (das Auge) eines Kranken mit Gerstenkorn. Gegen Freisen und Fieber hielt man einen ausgehängten Fensterflügel vor oder über den Kranken und sprach den Heilsegen. Oft verwendete man Magiehandlungen ohne Sprüche; so wurden Sommersprossen am Karsamstag abgewaschen, Fremdkörper aus dem Auge entfernt, indem man das Oberlid aufhob und ausspuckte oder das gesunde Auge schloss und mit dem rechten Fuß auf die Erde stampfte. Zu diesen Handlungen gehörte auch das Verschlingen von Palmkätzchen gegen Halsleiden, das Essen von Zauberzetteln, Heiligenbildern, das Bestreichen entzündeter Hautstellen mit „Fensterschwitz“ (kondensierter Dampf, „materialisierter Lebenshauch“) oder Speichel, der auf mittelalterliche Segnungen zurückgeht. Atem und Speichel galten seit eh und je als zauberkräftig, und die Kirche übernahm das Anblasen und die Bestreichung, einen altheidnischen Brauch, als Symbolhandlung, in ihr Taufritual. [Schmidt 1941, p. 216-221] Zu diesen Handlungen gehört weiterhin das Bestreichen des Bauches von Kleinkindern mit einem Pantoffel bei Bauchgrimmen oder wenn man bei Nasenbluten das Blut auf kreuzweise gelegte Strohhalme tröpfeln ließ; bei Warzen das Kreuzzeichen darüber machte, bei Harnverhaltung der Pferde diese über einen Schweinetrog führte. Gegen Zahnschmerzen sollten Kinder dreimal Bohnen über den Kopf werfen, bei Freisen hüllte man das Kind in ein schwarzes 62 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Tuch seiner Taufpatin. Der Drudenfuß über der Stalltür schützte das Vieh und Ähnliches.. Ungemein stark ist die Diffusionskraft und die weite Verbreitung alter Spruchformeln, z. B. des Merseburger Zauberspruches. Man hat den Typus dieses Spruchs auf Formeln aus der indoeuropäischen Urzeit zurückzuführen versucht, so auf einen Text im Atharwaweda Band 4, 2 [Kuhn 1864, p. 49]: Zusammen werde Mark mit Mark und auch zusammen Glied an Glied, was dir an Fleisch vergangen ist, und auch der Knochen wachse dir, Mark mit Mark sei vereinigt, Haut mit Haut erhebe sich. Diesem Text gleicht der Schlusssatz des Merseburger Zauberspruchs: Wie die Beinrenke, so die Blutrenke, so die Gliedrenke: Bein zu Bein, Blut zu Blute, Glied zu Glied, wie wenn sie geleimt seien! Die anekdotische Einleitung dieses Typus machte alle möglichen Wandlungen durch, jedoch das Hauptmotiv der Beschwörung „Bein zu Bein“ usw. erhielt sich in vielen Spruchformeln. Über rumänische Varianten schrieb Bologa: Ein uralter Heilspruch gegen Frakturen und Luxationen ... in der Gegend von Arad, Cluj, Suceava, Oaş und der Maramureş ... hat in seiner Zusammensetzung, in seiner Struktur und seinen Besonderheiten Parallelismen und frappante identische Teile zum wohlbekannten zweiten Merseburger Zauberspruch, der aus der Epoche des germanischen Heidentums stammt. Dass dieser Spruch bei den Siebenbürger Sachsen in einer stark gewandelten Form auftritt, die Rumänen ihn aber bis in Einzelheiten in seiner archaischen Form erhalten haben, erscheint uns als Beweis, dass er nicht von den Sachsen, sondern bereits zur Zeit der Völkerwanderung entlehnt wurde. [Bologa 1959, p. 137; Bologa 1937, p. 413-418] Varianten des Spruchs sind auch in der Slowakei bekannt. Aus dem 16. Jahrhundert stammt der von F. K. Mayer zitierte ungarische Spruch: Auf dem Weg zum Paradies verrenkte sich der Esel des Herrn das Bein, da besprach ihn die Muttergottes ... : Bein zu Bein, Mark zu Mark, Ader zu Ader, Sehne zu Sehne, Blut zu Blut ... [Truszkowski 1968, p. 15 f.] Als Beispiel der Vereinigung des Merseburger Typus und des Wurmsegens von Tegernsee kann eine Beschwörungsformel aus dem Dorf Trăsnea, Kreis Sălaj, dienen. [Truszkowski 1968, Band II, p. 402] Ein epischer Auftakt erzählt: 63 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Gott und Petrus begaben sich zur großen Brücke, Petrus konnte nicht darüber schreiten. N. N. hat sich die Hand verrenkt. Es erfolgt nun die Aufforderung, die Hand einzurenken, worauf das wesentliche Thema des Merseburger Spruchs gesagt wird im Typus Merseburg: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi gilidin ... und im Typus Trăsnea: Knochen zu Knochen, Fleisch zu Fleisch, Ader zu Ader ... Darauf wird die Krankheit, als Krankheitsdämon personifiziert, zum Verlassen des Körpers aufgefordert: im Typus Tegernsee: uz nesse ... uz fonna urarge in deo adra usw. im Typus Trăsnea: ieşi din carne, ieşi din cioante, din cioante ieşi în piele, din piele ieşi afară ... In ihrer Struktur zeigen die rumänischen Spruchformeln im Vergleich zu den deutschen einige Abweichungen, sie sind umfangreicher, altertümlicher und häufig von dichterischer Schönheit. Auch sie haben eine epische Einleitung: Pleacă N. N. pe cale, pe cărare se întâlni cu buba’n cale... Manchmal ist die Einleitung ein dichterisches Bild voll Spukgestalten: Plecară moronii cu strigonii prin sat cu steag negru ridicat, cu gurile căscate, cu chiciurile răsflocite ... (Es zogen Vampire mit Gespenstern durch das Dorf, mit hochgereckter schwarzer Fahne, mit aufgerissenen Mäulern, mit aufgelösten Zottelmähnen). [Novacoviciu 1902, p. 123] Den deutschen Sprüchen fehlt die oft sehr poetische, listig-schmeichlerische Aufforderung an den Krankheitsdämon zu weichen, wie sie die rumänischen Sprüche kennen: Entweiche Neshit, Plagegeist, aus Zähnen, aus Backenzähnen, aus Kopf, Mund und Gehör, aus dem Hirn und Augen. Fliehe, geh nach Maroga, denn man erwartet dich mit gedeckten Tischen, entfachten Fackeln und vollen Gläsern, auf das N. N. rein bleibe, wie am Tage, da ihn seine Mutter geboren, wie der Stern am Himmel, wie der Tau auf der Erde ... Năjit bedeutet Ohrenkrankheit, grippale Erkrankung der oberen Luftwege. Das Wort und der entsprechende Spruch kamen im 13. Jahrhundert zu den Rumänen, als bogomilische Flüchtlinge 64 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) aus Bulgarien nordwärts zogen. [Vătămanu/ Manoliu 1970, p. 203-207] Allerdings erscheint das Kraut năjit, nejitnică (Asarum europaeum), deutsch Haselkraut, Krötenkraut, Leberblume, Seidelbast u. a. bei [Borza 1968, p. 25] und dient zur Herstellung von Hustentee und auch zu einem Gebräu, das dem Erbrechen dient. Vrăjitoare din Rogoz - 1980; foto: colecţia Pamfil Bilţiu Fremd sind den deutschen Sprüchen längere Verwünschungsformeln wie diese in einem rumänischen Spruch: Unholdinnen, Meisterinnen, Herrscherinnen des Windes, Herrinnen der Erde, die ihr in den Lüften wandelt, über Meereswellen schreitet, p. geht in die weite Ferne, in Sumpf, Ried, Einöden, wo kein Priester das Osterbrett schlägt, kein Mädchen tanzt. Geht zum wütenden Wind, wo die Lerche kopfüber stürzt, zum Tor der Winde, zum Erdkreis. Entweicht der Hand, dem Leib, der Nase, dem Fuß, erhebt euch und geht behende. [Săndulescu 1970, p. 35] In einigen rumänischen Beschwörungen wird das Böse in Gegenden verbannt, wo der Hund nicht bellt und kein Hahn kräht: 65 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) În coadele mărilor,/ în rădăcinile pragurilor unde popa nu toacă,/ unde cocoşi nu cântă, unde câini nu latră ... Ähnliche Formeln kommen auch in frühchristlichen Gebeten und im chanson des geste „Huon de Bordeaux“ vor. [Bogrea 1971, p. 473-478] 2 Zahlenmystik und Abmessungen Auch die Zahlenmystik spielt eine Rolle in der Volksmedizin. Im Volksglauben wohnt den Zahlen 3, 7, 9 und 77 ein besonderer Zauber inne. Dreimal muss nach dem Heilspruch ein Gebet gesagt, dreimal das Kreuzzeichen gemacht werden, drei Frauen gehen übers Land, drei Knaben gingen auf den Hinschberg. Im Würzwisch sollen 7, 9 oder 77 Kräuter gebündelt sein, im Spruch von Tegernsee ist von neun Würmlein die Rede. Es gibt 77 Arten von Fieber, Würmern, Gichtern, Freisen und Schussblattern. Der Zahlenglauben ist uralt und weitverbreitet. Im theurgischen System (zauberhaftes Beschwören von Göttern) der Neuplatoniker, vornehmlich bei Jamblichos, spielte die Zahlenmystik eine große Rolle. „Nach pythagoräischer Methode, deren er sich mit Vorliebe bediente, nahm Jamblichos die chaldäischen Götter, Engel und Dämonen in sein System der Dreiheiten, Siebenheiten und Neunheiten auf, wo sie im geschwisterlichen Nebeneinander mit den Göttern aller polytheistischen Religionen der römischen Welt Platz fanden.“ [Bidez 1910, p. 87] Unter „Abnehmen“ verstand man die Schwindsucht und andere unter Kräfteverfall verlaufenden Krankheiten. Um festzustellen, ob jemand das Abnehmen hat, wurde er einer Körpermessung unterworfen. Nach Pink wurde in Kleinkomlosch folgendermaßen verfahren, p. Zuerst wurde ein Spruch gesagt. Der heilige Petrus und Paulus liegen tot in Rom begraben. Ich bitte euch um Gottes Willen, sagt mir die Wahrheit, ob N. N. das Abnehmen hat oder nicht? Dann maß man an der Beugeseite des linken Vorderarms zwei Spannweiten. Kam die zweite Spannweite nur bis zum Mittelglied des Mittelfingers, so hatte der Kranke das Abhnehmen, gegen das dann „gebraucht“ wurde. Mit dem Gesicht gegen den Friedhof stehend, sagte man folgenden Spruch, p. N. N., ist dir dein Fleisch und Blut weggenommen durch die Kraft der allerheiligsten Dreifaltigkeit, so sollen sie durch die allerheiligste Dreifaltigkeit dir wieder gegeben werden.“ [Pink 1935, p. 69] Verschiedene Varianten dieser Messung sind von Skandinavien bis zum Balkan bekannt. Popa berichtet über eine Zigeunerin, die die Körperlänge einer Klientin von Kopf bis zu Fuß mit einem Faden abmaß und alte Reminiszenzen zur betrügerischen Manipulation benützte. [Popa 1967, p. 163] In Ungarn sprach man von hagymázmérés, in der Pfalz wurde die Messung der Toten und ihre Anhauchung geübt Und zwar nach dem Vorbild des Propheten Elias. [Becker 1925, p. 236, 142] Messungs- und Wägungsriten waren im Mittelalter Kirchenbrauch, p. Mensuratio, officium ad 66 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) ponderandum hominem. [Franz 1909, Band II, p. 457-467] Nach der Körperlänge oder Länge der Gliedmaßen bestimmte man die Länge der Opferkerzen. Der Bauchumfang von Schwangeren und Gebärenden war maßgebend für die Länge der Votivkerze für die heilige Margarete, die Patronin der Geburtshilfe. 3 Sympathie und Übertragung Sympathetische Handlungen bezwecken die Übertragung von Kräften oder von Krankheiten. Diese werden auf Wesen oder Dinge übertragen, die zur Überwindung dieser Krankheiten besser gerüstet sind. Durch die Heilung wird auch das kranke Wesen geheilt, mit dem sie in sympathetischer Verknüpfung stehen. Der Volksglauben sprach Teilen des menschlichen und tierischen Körpers (Blut, Zähne, Krallen, Fett, Ei, Milch, Phallus), menschlichen und tierischen Ausscheidungen (Kot, Urin, Schweiß, Speichel, Atemhauch), aber auch leblosen Dingen (Axt, Messer, Hufeisen, Besen, Sichel, Kohlen vom Osterfeuer, Gefäßdeckel, Fensterrahmen usw.) besondere Kräfte zu. Hierher gehört auch der Glaube an die magische Kraft von Edelsteinen und anderen Steinen. Donnersteine werden in der Arader Gegend zur Behandlung der Euterentzündung von Haustieren gebraucht, [Gehl 1973, p. 109, 148] wie auch in der Pfalz, wo steinzeitliche Beile und Belemniten, Donnerkeile genannt, als Bauopfer in die Fundamente der Häuser eingemauert wurden, da sie als heilkräftig galten. Dieser Aberglaube gehört zu einem alten fetischistischen Steinkult. [Becker 1925, p. 116] Alt ist der Glaube an die Kraft des Blutes. In Rom trank man das Blut getöteter Gladiatoren und das Blut von Hingerichteten, später ersetzte man das menschliche Blut durch Tierblut, z. B. Taubenblut, das als wirksam gegen Fallsucht (Epilepsie) galt. [Magyary-Kossa 1929-1940; Band II, S. 92] In der Banater Volksmedizin wurde die Malaria symbolisch auf Katzen übertragen, indem der Kranke einen Katzenschweif in der Hand hielt. Das Trinken von Katzenblut sollte die Wirkung erhöhen. [Hagel 1928, p. Heft 4, 9] Man glaubte, dass Körperteile von Gehenkten Zauberkräfte besitzen. Wer sich im geheimen ein Glied (Finger, Zehe) eines Gehenkten aneignen konnte, sei vor allem Missgeschick gefeit. [Bräuner 1973] Dieser Aberglaube war einst weit verbreitet, selbst dem Finger eines gewöhnlichen Toten schrieb die Hirtenmedizin des karpato-balkanischen Raumes magische Kräfte zu. [Vulcănescu 1970, p. 231-237] Totenfinger und Totenhände wurden selbst von den alten Ärzten als Heilmittel auf Kröpfe und Geschwülste gelegt. Die Franzosen nannten solche Hände main de gloire. Thomas Bartholinus (1616-1680) legte die noch warme Hand von verstorbenen Lungenkranken auf Drüsengeschwülste, damit sie durch ihren Schweiß eine „zerteilende“ Wirkung ausüben. [Hyrtl 1882, p. Band II, 479] Heilkräfte sollte auch die Muttermilch besitzen, die man zur Herstellung einer „Schmier“, zum Reifen von Eiterbeulen gebrauchte. [Pink 1935, p. 67] In Heilsprüchen wird die Hilfe von Christi Blut, Mariä Blut und Milch angerufen, eine Formel, die in deutscher und lateinischer Fassung aus dem 11. Jahrhundert bekannt ist. [Kriss 1937, p. 59] Dazu ein Beispiel aus Kleinkomlosch/ Comloşul Mic: Es steigen drei Jünger vom Himmel herab, sie steigen wohl über das Grab. Der erste steigt darüber, der zweite steigt ab, der dritte holt Geschwülste und Rotlauf ab. 67 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Maria, Mutter Christi, Milch und Blut ist für alle Geschwülste und Rotlauf gut. 3.1 Übertragung von Krankheiten Krankheiten können auf Lebewesen, Pflanzen und Dinge übertragen werden. Heilpraktiken der mesopotamischen Medizin übten die „Transplantation“ von Krankheiten auf kleinere Tiere (Ferkel, Lamm) und boten dem Krankheitsdämon gewissermaßen einen Ersatzorganismus anstelle des Kranken an. Im Banat war die Übertragung der Malaria auf Katzen, Kröten, öfter auch auf Bäume bekannt: Baum, ich hack dir durch Mark und Bein, ich hack dir die 77 Fieber ein. [Aus Neuarad/ Aradul Nou, nach Hagel 1928, Heft 4, p. 10] Oft verbannte man die Krankheit in den Wald, in Weidenbäume oder Brennesseln. [Hagel 1928, Heft 4, p. 9 f.] Fieber wurden auch auf einen Stock übertragen: Maria geht über das Land, sie hat das Buch in ihrer rechten Hand, darin steht still Johannes Evangelium. Da steht ein schwarzverbrannter Stock, den segnet sie mit ihrer Hand, da ihn verlassen hat der warme Brand. [Aus Guttenbrunn/ Zăbrani, Herrschaft 1938, p. 155] Um dem Dämon des Wechselfiebers zu entgehen, stallte man einen Stock hinter die Tür und sprach dazu: Fieber, Fieber, bleib drauß, der N. N. ist nicht zu Haus. [Hagel 1928, Heft 4, p. 9, Hagel 1967, p. 123] Im rumänischen Brauchtum verließ der Kranke vor dem Fieberanfall tatsächlich sein Haus, in ungarischen Gegenden schrieb man mit Kreide an die Haustür: „Ich bin nicht zu Hause.“ [Hollaender 1908, p. 32] Als Krankheitsübertragung ist auch der Brauch anzusehen, ein Messer in die Türschwelle zu hacken und dabei einen Spruch gegen das Fieber zu sprechen. [Hagel 1928, Heft 4, p. 10] Im Banat vertrieb man Warzen, indem man in einen Faden so viele Knoten machte, als man Warzen hatte. Der Faden wurde dann unter die Dachtraufe vergraben, also eine Übertragung und zudem noch ein Sympathiezauber: So wie der Faden in der Erde verwest, so sollen die Warzen verschwinden. In Orzidorf musste der an Gelbsucht oder an Abnehmen Erkrankte einen gelben Faden an einen Baum hängen. Sieben Tage lang war der Spruch zu sprechen: 68 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Sankt Michael ist begraben, sollst mir die reine Wahrheit sagen, ob der N. N. ’s Auszehre, Abnehme oder die Gelbsucht hat. (Aufgezeichnet von Margarete Eipert, Orzidorf/ Orţişoara) Vrăjitoarea Pălăguţa Godja convorbire cu o bolnavă - Onceşti 2002; foto: colecţia Pamfil Bilţiu 4 Heilzettel und Nothelfer Pink berichtet: „Es gab immer ein, zwei Personen, die das Zettelschreiben verstanden haben. Auf einen Zettel wurde ein Zauberwort geschrieben, ein Papierknödel gemacht und mit etwas Wasser hinuntergeschluckt.“ Leider teilt Pink keinen Zaubertext mit. Im Saarland und in der Pfalz gab es mit Gebeten bedruckte Zettelchen, die man bei sich trug, im „Geistlichen Schild“ wurde die altbekannte Sartor-Formel verwendet, die auch in mittelalterlichen Beschwörungen vorkommt. [Fox 1927, p. 303] Oft schrieb man auf den Zettel den Namen der Krankheit oder das Symptom, von dem der Kranke befreit werden wollte. Solche Zettel wurden auch zur Zeit der Choleraepidemie auf der Brust getragen. [Szimits 1908, p. 42] Aus Guttenbrunn/ Zăbrani stammt folgende Formel gegen die Wut: Zirrio, Zirriorrio, Kalfario Zirrio, Mago, Rochus Zirriorrio, Rasto, Magus Kalfario, Machsminigo Folmogos, Pogo, Mago, Nasto. [Herrschaft 1938, p. 154] 69 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Das „Essen der Krankheit“ war auch in der Antike bekannt und wurde später auch von Geistlichen empfohlen. Im Jahre 1583 verbot die Synode von Tours die Phylakterien, Zauberringe und -zettel, Buchstabenformeln und geweihte Amulette. [Magyary-Kossa 1929-1940, p. Band II, 7 f.] Als. Phylakterien können auch die so genannten „Himmelsbriefe“ gelten, mit Bildern und Gebeten versehene Papierstreifen, die vor Blitz, Wunden und Krankheiten schützen sollten. Diese Buch- und Briefamulette wurden nach Abgar Ukkama V. von Edessa, der nach der Legende mit Christus im Briefwechsel gestanden haben soll, benannt. Diese Amulettart kam als advar, avgar über die Sekte der Paulicianer und Bogomilen zu den Rumänen. Bei den Serben hießen Briefamulette hamajlija (rum. hamailau) und sind wesensgleich mit der bulla, dem Amulett, das von römischen Kindern getragen wurde. Im Banat und Siebenbürgen hießen Papieramulette aragariu. [Bogrea 1971, p. 3-7] Aus dem Banat berichtete Stitzl über Heilzettel in der Geburtshilfe: Bei schweren Geburten pflegt man noch jetzt das gnadenreiche Gebet auf einen Zettel geschrieben der Kreißenden auf die Stirne zu legen.“ Auch Tierteile legte man den Frauen um den Hals. Es kam auch vor, das die Gebärende das Hemd ihres Mannes anzog, um die Geburt zu beschleunigen. Diese Bräuche wurden bei Rumänen, Serben und Ungarn beobachtet. [Stitzl 1942, p. 7 f., 151] Auch die Antike kannte Geburtssprüche. Im 10. Buch der „Metamorphosen“ Ovids lesen wir, p. „Als die von Zeus geschwängerte Leto niederkommen sollte, sprach die Göttin der Gebärenden, Lucina, den geburtserleichternden Spruch.“ Im 15. Jahrhundert wurde ein christlicher Geburtsspruch aufgezeichnet. Man pflegte ähnliche Sprüche auf den Gebärgürtel (Gürtel der heiligen Margareta) zu schreiben, den die Kreißende anlegte. Das Anlegen von Männerkleidung sollte die Dämonen täuschen. Manchmal wurde eine Schlangenhaut aufgelegt , p.„Die Schlangen-Haut die thut man umb die Lenden binden. Sie treibet die Geburth, hilfft Weibern überwinden“, heißt es im „Parnassus Medicinalis“ aus dem Jahre 1663. Man vermutet darin einen Analogiezauber, p. Wie die Schlange sich mit Leichtigkeit häutet, so leicht soll die Gebärende sich ihrer Frucht entledigen. [Magyary- Kossa 1929-1940, Band II, p. 6 f.] Von ihren Göttern Isis, Osiris, Thot hofften die Ägypter Heilung und Linderung, die Griechen vertrauten auf Apoll, den Gott der Heilkunde, auf Äskulap und seine Familie, Rom kannte die Göttinnen Dea Febril und Scabies. Salus, eine Tochter des Äskulap personifizierte die Wohlfahrt und Gesundheit, dazu kam Cloacina, die Reinigende. Mephitis, die gegen verpestete Ausdünstungen des Bodens schützen sollte und eine lange Reihe gynäkologischer Göttinnen, p. Uterina, Carmenta, Fluonia, Lucina, Carmenta Postvorta und Antevorta (Porrima) als Helferinnen bei Kopf- und Steißgeburten. Intercidonia, Pilumnus und Deverra schützten Wöchnerinnen und ihre Kinder vor dem rohen Hirtengott Silvanus. Mit Beil und Mörserkeule schlug man die Türschwelle und kehrte die Schwelle mit einem Besen ab, ein altes Abwehrmittel gegen Hexen und Auswechsler. Die Wende zwischen Heidentum und Christentum brachte für Jahrhunderte die Verquickung uralter Traditionen und Kultformen mit der neuen Lehre und ihren Riten. Die Neubekehrten sahen in den christlichen Missionaren neue Magier und Zauberer, die ihre Wünsche erfüllen sollten. [Fox 1927, p. 215, 217, 454] Die alten Zauberer wurden bekämpft, indem ihre Methoden in anderem Gewand verwendet wurden, der Heilige galt als „Vertreiber der Dämonen, Erleuchter der Verblendeten und mächtigster Zauberer“. [Marignan 1899, p. 55] Religionsgeschichtler führen den 70 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Heiligenkult auf den antiken Heroen- und Totenkult zurück. [Bicklmayer 1940, Band 1, 345] So z. B. verglich man das Heiligenpaar Kosmas und Damian, Patrone der Ärzte und Apotheker, mit Castor und Pollux, die Nothelferin Barbara mit Danae. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Verehrung von 14 Nothelfern, deren Kult im 14. und 15. Jahrhundert in Deutschland, Schweden, Italien und Ungarn große Verbreitung gewann. Allmählich wurden die alten 14 Nothelfer durch lokale und „Modeheilige“ ersetzt. Im Banat erhielt sich am längsten die Verehrung des Pestheiligen Rochus und des Viehpatrons Wendelin, dem sogar Statuen errichtet wurden. Als Universalhelfer gilt Antonius von Padua, dem in den Temeswarer Pfarrkirchen Votivtafeln gesetzt wurden. Bei den orthodoxen Rumänen hat sich der Kult von Kosmas und Damian länger als in Westeuropa erhalten. Daneben kennen die Rumänen mehrere Nothelferpaare: Chir und Ioan, Pantelimon und Ermolae, Samson und Diomid, Mechie und Anichit, Trifon und Thalaleu. Trifon schützt Pflanzen und Herden, Pantelimon und Spiridon sind Spitalsheilige. [Bogrea 1971, p. 124-138] In der orthodoxen Ikonographie werden die Nothelfer mit den Symbolen, p. Arzneikistchen, Arzneilöffel und Lanzette dargestellt. [Vătămanu 1970, p. 519 f.] Kinderpatron ist Stelian, gegen Pocken hilft Barbara. In der Bukowina kennt die Volksmedizin eine heilige Angina, Helferin bei Diphtherie. [Marcu/Marcu 1970, p. 161] In Südamerika bildete die Kirche auch nach dem Mittelalter die alten Götter zu Helfern um, p. Rochus als Patron gegen Epidemien, Bonifaz gegen Sodomie, Raphael für Geburten, Hieronymus gegen Sinneslust, Dominik für Schwangere, Nikolaus gegen Halsleiden, Lucia gegen Augenleiden. [Guerra 1970, p. 151 f.]. Die Vorstellung der Volksmedizin von der Strafe Gottes als Ursache von Krankheiten und Katastrophen führte zu Massenpsychosen, wie etwa die Bewegung der Flagellanten, bei uns durch die Geißler von Temeswar und Arad im 18. Jahrhundert vertreten, zu Wallfahrten und zu Weihgeschenken, von welchen z. B. in Radna eine reiche Sammlung vorhanden ist. 5 Volksmedizin und die großen Seuchen Gegen die großen Seuchen des 18. Jahrhunderts: Pest, Flecktyphus und Malaria, zu denen sich im 19. Jahrhundert die Cholera hinzugesellte, hatte auch die Schulmedizin keine wirkungsvolle Behandlung zur Verfügung. Die Volksmedizin griff auf die Empfehlungen alter Kräuterbücher, auf traditionelle Praktiken und Sprüche zurück. Über die Pestbehandlung gibt es einige Informationen aus der Gemeinde Guttenbrunn: Es wurden Engelwurz und Wacholderbeeren empfohlen, auf die Pestwunden sollte man Brot binden, denn „es ziehet das Gift heraus“. [Herrschaft 1938, p. 153] Gleichfalls aus Guttenbrunn (Zăbrani) stammt ein alter, verstümmelter Spruch gegen die Pest: Die Vögel haben’s in der Luft gesungen, p. Esst Knoblauch und Biewenell, dass ihr nicht sterbt so schnell, so schnell. Biewenell ist die Pestwurz oder Bibernelle (Pimpinella saxifraga), der Knoblauch steht für Enzian. Zum Vergleich bietet sich ein Spruch aus dem Böhmerwald an. Als dort die Pest tobte, hörte ein Mann ein Vöglein singen, p. 71 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Esst Enzian und Pimpinell, steht auf, sterbet nicht so schnell. [Lammert 15. 01.1969] Vom misstrauischen Volk wurde ärztliche Hilfe zumeist abgelehnt. Statt sich vom Kontagionschirurgen ein terpentinhaltiges Ziehpflaster auf die Pestbeulen legen zu lassen, schnitten die Kranken ihre Beulen lieber selbst auf, wie das von einem jüdischen Branntweinbrenner 1738 aus Temeswar berichtet wurde. Zur Bekämpfung der Pest bediente sich die offizielle Medizin verschiedener Anordnungen wie Quarantäne, Isolierung, Räucherungen, Desinfektion. Die Beulen wurden mit erweichenden Salben behandelt oder chirurgisch angegangen. Der österreichische Militärarzt Kramer erzählt von der Schutzwirkung von Kröten, die in Tuchsäckchen eingenäht für ein bis zwei Gulden verkauft wurden. Pestbeulen behandelte man auch mit pulverisierten Kröten. Nach Kramer sollten diese das Pestgift magnetisch aus der Beule ziehen, wohl ein Versuch, einen alten Volksglauben verständig zu deuten. 4.1 Epidemien als Strafe Gottes Auch die Pest galt als ein Strafgericht Gottes, deshalb versuchte man, seinen Zorn durch Ablegen von Gelübden zu besänftigen. Solchen Gelöbnissen verdanken die Pestdenkmäler ihre Entstehung, p. in Temeswar die Dreifaltigkeitssäule des Administrationsrates Jean de Hansen (1740), mit Reliefszenen aus den schweren Tagen des Krieges und der Pestseuche sowie den Standbildern der Heiligen Karl Borromäus, Sebastian und Rochus. Die Bürgerschaft verpflichtete sich zu Bittgängen zur Rosalienkapelle. Im Jahre 1753 stiftete die Nepomukbruderschaft eine Marienstatue mit Johann Nepomuk. Eine Pestsäule wurde 1746 in Arad aufgestellt, zudem gelobten die Einwohner dieser Stadt eine Bußfahrt zum Wallfahrtsort Maria Radna. [Lammert 8. 07.2972] Auch der Glaube an das schützende Pesthemd war einst im Banat lebendig. [Mironescu/Pastior 1968, Nr. 1, p. 1, 85-89] Die Alteingesessenen sahen in der Pest und den anderen Seuchen die Rache der Vampire. Als Puppe ausgestopft – Rumänen und Serben personifizierten die Pest als Frau – wurde der Pestdämon verbrannt oder am Dorfrande aufgepflanzt, um die Seuche zu verscheuchen. [Novacoviciu 1902, p. 32, 62] Die meisten Todesopfer forderte im 18. Jahrhundert, sowohl in der kaiserlichen Armee, als auch unter den Zivilbewohnern, vornehmlich unter den deutschen Ansiedlern, der Flecktyphus, Typhus exanthematicus. Es wurde auch „Morbus hungaricus“ (ungarische Krankheit) genannt. Über die volkstümliche Behandlung dieser Krankheit ist nichts bekannt. Kramer empfahl den Schierling (Conium maculatum) dagegen. Die Geißlerbittgänge der Temeswarer Bruderschaft vom Sterben Christi sind wohl hauptsächlich dieser Seuche wegen veranstaltet worden. [Lammert 8. 07. 1972] 4.2 Hilfslose Medizin bei Epiedmien Die Malaria war im Banat endemisch, im 18. Jahrhundert bekam sie den Namen „Morbus banaticus“. Dieser Krankheit und dem Flecktyphus verdankte das Banat seinen üblen Ruf als „Grab der Deutschen“, sowohl der Soldaten als auch der Kolonisten. Unter der Malaria litt nicht nur die Landbevölkerung, sondern auch die Städter. Der österreichische Mineraloge und Bergbauexperte Ignaz Edler von Born (1742-1791) schilderte in seinen Reiseberichten [Born 1774] über 72 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) mineralogische Gegenstände auf seiner Reise durch das Temeswarer Banat, Siebenbürgen, Ober- und Niederungarn (Frankfurt und Leipzig 1774) die malariageplagten Temeswarer: Bei Tische hatten außer mir und einigen Fremden, die sich da aufhielten, alle Gäste einen Anfall von ihrem Fieber, die einen klapperten mit den Zähnen vor Kälte, und andere tranken unaufhörlich, um den Durst zu stillen. Auf der Straße erblickte ich überall blasse, gelbgefärbte, eingefallene Gesichter, die aus schön gebauten Häusern hervorkamen. Die Frauen und Mädchen hatten dickgeschwollene Bäuche, die ihnen das Fieber zurückließ. Ich glaubte im Reiche der Toten einherzuwandeln, wo ich die Menschen für Leichen und ihre Wohnungen für übertünchte Grabmäler ansehen konnte.“ Dieses Bild der wandelnden Milztumoren lässt es erklärlich erscheinen, dass um diese Zeit der Ausdruck lien temeswariensis, Temeswarer Milz, geprägt wurde. [Stitzl 1940, p. 106] Born erzählt, dass die wohlhabenden Einwohner im Sommer die Stadt verließen und nach Lugosch zogen, um dem Fieber zu entweichen. Entwässerungsarbeiten der Landesbehörde konnte die Malaria nur ungenügend beeinflussen, denn ohne die Ausrottung der malariaübertragenden Stechmücke konnte auch die durchaus sachgemäße Heilbehandlung mit Chinin nicht viel ausrichten. Im Banat wurde die Chinarinde vom Militärarzt Kramer eingeführt. Der Offizier Graf Alexandre Bonneval bediente sich vor Belgrad sogar vorbeugend der Chinarinde. Es ist in der Medizingeschichte die erste Information über eine Vorbeugung der Malaria mit Chinin. Am hohen Preis der Chinarinde scheiterte allerdings die allgemeine Verwendung, schon Krämer schlug Ersatzmittel vor, und das Landvolk griff nach allen möglichen Substanzen, die scharf und bitter schmeckten, um sich gegen das Sumpffieber zu wehren. Obwohl später auch der Physikus von Arad, Johann Ludwig Haidenreich (1747-1807) ein begeisterter Anhänger der Chinin-Heilmethode war [Lammert 1951, Heft 1, p. 152-155], geriet dieses spezifische Malariamittel in Vergessenheit, so dass es der spätere Arader Physikus Emmerich Bittner in seiner preisgekrönten Arbeit über das Banater Sumpffieber („A bánság poslázairól“, 1847) nicht einmal erwähnte. Trotzdem war die Vorbeugung der Malaria mit Chinin nicht ganz unbekannt. Noch um die Jahrhundertwende teilten in vielen schwäbischen Familien die Mütter an Groß und Klein Chinintabletten zur Vorbeugung des Wechselfiebers aus. Nebst den Sprüchen gegen Fieber versuchte das Landvolk die ausgefallensten Bekämpfungsmittel. Auf der Heide gebrauchte man Wermut in Essigwasser oder man mischte Milch mit Branntwein und gab „Bibergalle“ und Zündhölzköpfchen dazu. [Pink 1935, p. 67] In Tschanad glaubte man an die Heilwirkung einer kräftigen Ernährung, besonders gefülltes Kraut wurde gelobt. Manche schluckten drei gekochte Läuse, an erster Stelle stand aber, in Wein oder Schnaps genossener Paprika oder Pfeffer. [Korek 1901, p. 19] Salpeter, ein im Komi tat Bihor altbekanntes Malariamittel, wurde auch von Ärzten verschrieben. [Hollaender 1908, p. 35, 43] Zur Mückenabwehr versuchte man es mit Petroleumeinreibungen, abends wurden die Fenster und Türen geschlossen, das Sommerbett im Gang mit Netzgewebe verhangen. Johann Szimits erwähnt einen religiös angehauchten Brauch: Am Oschtrsunnta bete’s in manchi Dörfr gar fruh im Hof e korz Gebet geer die 77 73 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Fiewr ... Jeds verschluckt e Palmkätzl, was am vergangene Sunnta geweiht is wor. [Szimits 1908]. 4.3 Drei Choleraepidemien im Banat Im Zeitabschnitt 1831-1873 wurde das Banat von drei schweren Choleraepidemien heimgesucht. An sie erinnern die Cholerakapellen, die Cholerahäuser, Cholerafriedhöfe und die Verehrung des heiligen Rochus, dem viele Gemeinden Messen stifteten. So ein Cholerahaus gab es 1873 in den Meierhöfen zu Temeswar, das von den Ärzten Smolka und Braun versorgt wurde. Die in Panik versetzte Bevölkerung beschuldigte die Juden der Brunnenvergiftung. Viele Bürger versuchten vor der Seuche in gesunde Dörfer zu flüchten, wie die schwer bedrängten Hatzfelder, die aber von den Einwohnern von Perjamosch am Dorfrand mit Mistgabeln vertrieben wurden, wie die Temeswarer Zeitung 1873 zu berichten weiß. Dieselbe Zeitung brachte folgende Notiz, p. „Die Epidemie beginnt auch im Temeser Komitat immer mehr um sich zu greifen. Im Hinblick darauf verweisen wir auf die tröstliche Erscheinung, daß die Krankheit ihre Opfer fast nur in solchen Klassen der Bevölkerung sucht, die keine vernünftige Diät befolgen und in Bezug auf Wohnung, Kleidung und Nahrung jene Vorsicht außer Acht lassen, welche anständige Menschen selbst in seuchefreien Zeiten zu beobachten pflegen.“ [Temeswarer Zeitung, vom 6. 07. 1873] Die Regierung ernannte Cholerakommissäre, die durch Absperrungen die Verbreitung der Seuche zu verhindern suchten. Da der Erreger der Cholera damals noch unbekannt war, mussten auch die Behandlungsversuche erfolglos bleiben. Erwähnt sei die Reklame für das Impfen mit Quassiatinktur (aus einem heilkräftigen Baum), die nach der Banater Presse ein französischer Arzt empfahl. Es handelte sich um die Methode des Kronstädter Apothekers Johann Martin Honigberger, die er in Indien kennengelernt hatte und in Broschüren anpries. Zur persönlichen Vorbeugung empfahl man amtlicherseits aromatischen Essig und mit Chlorkalk gefüllte „Cholerasäckchen“. Das Volk war gegen die amtlich angebotenen Arzneien misstrauisch, da sich ihre Unwirksamkeit rasch erwies, und weil das Volk in der Cholera eine Verschwörung der Reichen gegen die Armen sah. So kam es im Komitat Karasch zu Aufständen gegen die Grundherrschaften. Auch die von den Behörden propagierten Gesundheitsregeln wurden skeptisch aufgenommen. Dieser allgemeinen Grundhaltung entspricht die Meinung des Pfarrers Zahn von Lowrin, der nicht an die Ansteckungsfähigkeit der Cholera glaubte. Er widersprach den Behauptungen der Zeitungen und medizinischen Fakultäten, dass nur Unmäßige daran erkrankten und stürben. In seiner Pfarre seien gerade die Mäßigen gestorben, während von den Trunkenbolden kein einziger zu Schaden gekommen sei. [Koch 1929, p. 55] Dafür sprach auch die verbreitete Volksmeinung:. „Schnaps ist gut für Cholera“. 5 Volksmedizin unserer Tage Gewisse Bedenken gegen Heilsprüche und magisches „Brauchen“ sprechen aus der Redensart: „Hilft’s dir nichts, so schadet es dir nicht“, die, zu einem Spruch erweitert, in Kleinkomlosch vorkommt: Helft’s dir nichts, so schadt’s dir nichts. Helft’s dir was, so werden dich die Grasspitzen ernähren, 74 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) Helft’s dir nichts, so werden dich meine Hunde verzehren. [Pink 1935, p. 70] Gleichfalls auf die Veterinärmedizin bezieht sich ein Spruch aus Freidorf (Stadtteil von Temeswar/ Timişoara: Ich führ dich dreimal um den Mist, weil du ein dummer Esel bist. Verreckst, bist du tot und aus aller Not ... Die moderne Zivilisation verdrängt die alte Volksmedizin. [Brătescu 1970, p. 258] Magische Sprüche und Riten sind fast völlig verschwunden, doch einiges erhielt sich aus den Praktiken der volkstümlichen Erfahrung: Die Beinbruchheiler stehen noch immer in hohem Ansehen, alte Heilmethoden erhielten sich ohne ihren magischen Gehalt, etwa das Auflegen einer kalten Messerklinge auf eine frische Beule. Aus der „Dreckapotheke“ erhielt sich die sporadische Anwendung von Urin zur Behandlung frischer Wunden oder der Gelbsucht. Andere alte Heilmethoden erhielten sich teilweise als Hausmittel, etwa der Zwiebeltee gegen Husten, die Zwiebelschmier zur Erweichung eitriger Schwellungen, Weechgrastee (Polygonum aviculare) gegen Nierensteine, Salben aus der Ringelblume, der großen Butterblume (Verbascum) und aus dem Klatschmohn als Erweichungsmittel und gegen „goldene Ader“. Neueren Ursprungs ist das Auflegen von Kartoffelscheiben auf frische Verbrennungen und bei strahlungsbedingter Bindehautentzündung der Schweißer, das Auspinseln mit Petroleum bei Mandelentzündugen u. a. Die alten Heilkräuter sind fast alle vergessen und fehlen aus dem geweihten Würzwisch. Was man heute an Heilkräutern braucht, kann man zumeist beim Staatsunternehmen für Medizinalpflanzen kaufen, doch gibt es immer noch Leute, die Lindenblüten, Kamillen oder Holunder für den häuslichen Gebrauch sammeln. Den Kranken wurden noch immer allerlei Ratschläge erteilt, p. in illustrierten Zeitungen, während der Bahnfahrten, in den Wartezimmern der Ärzte, bei Besuchen, im Briefverkehr. So hat man einander ein Temeswarer Kräuter weib, die „Bloßfüßige“ empfohlen, die den Leuten durch ihre Blitzdiagnosen imponierte. Seit einigen Jahren wurde der „japanische Wunderschwamm“ als Mittel gegen Leukämie verwendet. Aus Amerika wurde die gute Wirkung der Gewürznelke gegen hohen Blutdruck empfohlen, andere tippen auf Sellerie oder auf das Innenhäutchen von schwarzen Bohnen. Gleichfalls aus dem Westen kam die Kunde, dass man mit Petroleum-Trinkkuren den Krebs heilen könne. Anstelle einer Erklärung über Krankheitsverlauf und Heilwirkung werden den Kranken maschinengetippte Anerkennungsschreiben über unkontrollierbare Erfolge zugeschickt. Auch die Praktiken der populären Tiermedizin sind im Schwinden begriffen. Die veterinärmedizinische Versorgung der Haustiere ist unvergleichlich besser als vor 50 Jahren, und die vorbeugenden Immunisierungen erfreuen sich größeren Vertrauens als alte Besprechungskuren und überholte Hausmittel. Heute verzichtet man z. B. darauf, ein an Hühnercholera verendetes Huhn zu kochen, samt den Eingeweiden zu zerhacken und den gesunden Hühnern zu verfüttern, ein sowohl den Deutschen, als auch den Rumünen wohlbekanntes Verfahren. Wissenschaftliche Nachprüfungen ergaben allerdings, dass sich bei 60 Grad Celsius der Krankheitserreger in eine Vakzine verwandelt. [Bologa 1941, p. 84] Die vorbeugenden Schutzimpfungen haben diese und 75 memoria ethnologica nr. 44 - 45 * iulie - decembrie 2012 ( An XII ) ähnliche Praktiken abgelöst. Die alte Volksheilkunde steht vor dem Verschwinden, an ihre Stelle treten neue, wissenschaftliche Heilmethoden der Medizin. Literatur BACH, Adolf (1937): Deutsche Volkskunde. Leipzig. BANCIU, Alexandru (1970): Din vocabularul medical al ţăranilor din Sălişte şi satele învecinate (Aus dem medizinischen bäuerlichen Wortschatz von Sălişte und dem Umfeld). Im Band: „Despre medicina populară românească“, Bucureşti. BECKER, August (1925): Pfälzer Volkskunde. Bonn. BOGREA, V. (1971): Pagini istorico-filologice (Historisch-sprachwissenschaftliche Blätter). Cluj, Editura Dacia. BOLOGA, L. V (1937): Anklänge an den zweiten Merseburger Zauberspruch in rumänischen und Banater madjarischen Heilsegen. 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